Montag, 11. September 2017

Die Vergangenheit loslassen

Langsam muss ich mich mit dem Gedanken anfreunden, dass ich tatsächlich chronisch krank bin und und dass sich das Niveau, das ich habe, evtl. nicht mehr verbessert. Das mag verrückt klingen, dass ich für diese Einsicht fast 5 Jahre gebraucht habe; aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt ... 

In diesen Engen Grenzen zu leben ist hart. Die Ignoranz, die fehlende Empathie der Mitmenschen zu ertragen ist hart. Die Vergangenheit, Vergangenheit sein zu lassen ist hart.  Den Kampf alleine zu kämpfen ist hart.  Jeden Morgen todmüde aufzustehen ist hart. Keine Wanderungen mehr machen zu können ist hart. Nicht leistungsfähig zu sein, weder geistig noch körperlich, ist hart.   


Ich muss mich damit abfinden, dass ich mich entscheiden muss, ob ich spazieren gehe oder lieber am Abend an ein Konzert. 


Ich muss mich damit abfinden, dass mein Tag aus vielen, vielen Entscheidungen und Zeitintervallen besteht und nicht alles möglich ist, was ich mir vorgenommen habe. 


Ich muss mich damit abfinden, nie zu wissen, wie der nächste Tag aussieht. 


Ich muss mich damit abfinden, dass mein Kopf so vieles möchte aber der Körper leider nicht. 


Ich muss mich damit abfinden, dass die Arbeit so viel Energie frisst, dass an den Arbeitstagen keine Kraft mehr bleibt für Spontanes.  


Ich versuche, mich nicht in Selbstmitleid zu suhlen. Es gibt in der Schweiz schätzungsweise 20 000 Menschen, die an CFS erkrankt sind, rund 25 % davon schwer, sie sind ans Haus gebunden oder bettlägerig. Diese Menschen wären glücklich, in meiner Haut zu stecken.   


Es liegt an mir, das Beste für mich zu tun, mich zu beherrschen, gut zu essen, mich auszuruhen, die Grenzen zu respektieren und – energiemässig - so weise Entscheidungen wie möglich zu fällen. Im Gegensatz zu meiner gesunden Vergangenheit besteht mein Heute aus pacing, ausruhen, schlafen, im Jetzt leben, meditieren, auf einen guten Tagen hoffen und ihn auskosten und mich an schlechten Tagen auf die besseren fokussieren, die auch wieder kommen.  


Es gibt kein Kämpfen gegen CFS und kein Ignorieren, das funktioniert nicht. Die Krankheit erinnert mich konstant an meine Einschränkungen und Grenzen. So bleibt das einzig wichtige die Einsicht, sie als Teil von mir anzunehmen. Trotzdem: CFS & ich: das wird keine Liebesgeschichte.


Herzlich,

Christine

Kommentare:

  1. Hallo Christine, ich kann Dir sehr gut nachfühlen, mir geht es ähnlich und auch komme nach 5 Jahren in EU-Rente zu der Erkenntnis, dass das alles NICHT ganz schnell wieder vorbei ist und ich endlich wieder ein normales Leben führen kann. Sondern ich mich damit arrangieren muss...
    Alles Gute!

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  2. Liebe Frau Heller. Ja leider, diese Krankheit ist nichts für Ungeduldige. Ich wünsche Ihnen Mut, Ausdauer und Geduld.
    Herzlich,
    Christine

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